Anastasia Kozak, Deutsch-Ukrainische-Gesellschaft Heilbronn, 28.04.2026
Palatin, der Name des Kongresszentrums in Wiesloch stammt vom ältesten bewohnten Hügel Roms. Das Fürstentum Pfalz wurde territorial von den Römern geschichtlich als Palatin bezeichnet. Das Hotel Palatin organisiert über das ganze Jahr Kunstausstellungen.
Oliver Wolf‘s Arbeiten erkunden die verlassene Zone um das ehemalige Kernkraftwerk Tschornobyl. Seine Werke erzählen die Geschichte von Natur & Zivilisation. Die Bilder zeigen Vergangenheit & Zukunft zugleich und regen zum Nachdenken über den Einfluß des Menschen auf die Umwelt an. Oliver Wolf hat sich in zahlreichen EU-Städten an Foto-Wettbewerben beteiligt und Auszeichnungen erhalten. Die Besucher bleiben vor den Fotos besinnlich stehen, in beeindruckenden Bildern zeigt der Fotokünstler, wie das Leben einer gut organisierten Stadt je zu Ende kam: Fotos von Schulzimmern, Kindergarten, Eingang & Empfang des Krankenhauses, Wohnhäuser, Spielplätze, ein Waldgelände, durch das ein einsamer Fuchs streift. Musikalisch wurde die Atmosphäre durch Gwendolyn Grauer virtuos auf ihrem Akkordeon untermalt. Eingeladen wurde mit Tschajkowskijs Herbstlied „Oktober“ aus dem Zyklus „Jahreszeiten“ und begleitet das Gedenken an Tschornobyl. Mit seinem Märzlied „Lerche“ kommt die Sehnsucht nach Geborgenheit zum Ausdruck. Modest Mussorskijs „Altes Schloss“ vermittelte unheilvolle & düstere Stimmung, als Analogie zum überdimensionalen, bedrohlichen Stahl-Beton Sarkophag des Reaktors.
Der Geschäftsführer Dr. Eckstein leitete die Moderation, zur 3-er Diskussion war auch Anastasia Kozak, Ukrainerin und Vorsitzende der DUG-Heilbronn eingeladen
- Anastasia Kosak: Warum beschäftigt Sie Tschornobyl, haben Sie persönliche Berührungspunkte?
Meine Verbundenheit zu Tschornobyl & der Ukraine beruht auf der geschichtlichen Ungerechtigkeit, die meinen Eltern und der Ukraine widerfahren ist & widerfährt. Meine Eltern waren ins Dritte Reich deportierte Zwangsarbeiter, deren Volks-stämme während des 2.Weltkriegs in den Donbas zwangsumgesiedelt wurden, damit der ukrainische bewaffnete Widerstand keine Unterstützung findet. - Wie wurde die Tschornobyl-Katastrophe in der Ukraine damals wahrgenommen, wie sah die offizielle und die in-offizielle Berichterstattung aus?
Die Menschen waren unzufrieden; nicht genügend informiert zu werden, dennoch wurden in den Jahren von UdSSR gleich in 1986, 1987, 1988, 1989, 1990, 1991, 1992 eine ganze Reihe Atomkraftwerke entlang zur EU-Seite hin gebaut. In der Ukraine wurde das so verstanden, daß Moskau bewusst einen Schutzwall gegen militärische Aktivitäten des Westens aufbaut. Seit der Krimannexion, dem Donbas-Krieg und dem Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 wurden Atomkraftwerke zu Geiseln. Zaporischschja ist ja russisch besetzt, es gab mit der Internationalen Atombehörde Verhandlungen. Atom-Stromverkauf weiter an Österreich und Europa. - Oliver Wolf: Was haben Dir die Guides und andere Menschen bei Deinem Tschornobyl-Besuch mitgeteilt.
Bei der Besichtigung des ehemaligen Krankenhauses lagen im oberen Bereich Schutzhandschuhe mit 1000-facher Strahlenbelastung, die zuvor nur kurze Zeit im Kellerraum getragen wurden. Jeder Besucher war mit einem Geigenzähler ausgestattet, konnte sich selbst davon überzeugen. Zur Überwachung der Reaktorsicherheit befinden sich 600 Soldaten in Tschornobyl, die hier wohnen. Der Zwangsaussiedlung widersetzten sich Tausende ältere Menschen. Den umgesiedelten Menschen wurden in Unterkünften in der ganzen Ukraine untergebracht Die Strahlenbelastung ist auch heute noch in Europa sehr hoch, z.B. werden im Jahr ca. 1000 Wildschweine nicht in der Gastronomie verwertet, sondern müssen entsorgt werden. Wie man auf den Fotos sehen kann, lebt in der verstrahlten Stadt die Tier- und Pflanzenwelt weiter. Eines Tages wird die Wissenschaft die genetischen Veränderungen auf die Umwelt dokumentieren. Im Bekanntenkreis kenne ich einen Atomphysiker, der auch zeitweilig in Deutschland in der Atomforschung gearbeitet hatte und dann in 1996 zum 10.Jahrestag der Katastrophe immer noch von offiziellen Stellen die Wahrheit verschleiert und verschwiegen wurde. Dieser Wissenschaftler hat mit dem Land, seinen Auszeichnungen und der Parteizugehörigkeit gebrochen. - Anastasia Kosak: Welche Rolle spielt Tschornobyl in der ukrainischen Erinnerungs-kultur während des aktuellen Krieges?
Die Menschen wussten, daß sie aus den UdSSR-Medien nicht die Wahrheit erfahren konnten, in dem Ukrainischen Unabhängigen Staat nach 1991, herrschten noch Seil- schaften der alten Clique mit ihrer Korruption. Heute führt die Ukraine einen Überlebenskampf, Putin möchte, wie die Zaren-Ukase seit 400 Jahren – alle Ukrainer auslöschen – ausrotten. Stalin hatte mit der künstlichen Hungersnot, dem Holodomor 6-10 Mio Ukrainer vernichtet und unzählige in GULAGs nach Sibirien verbannt. Zu viele wertvolle Bodenschätze unter der ukrainischen Erde. Zu Sowjetzeiten war die ukr. Hauptstadt als Wiege 3-er Völker der Belorus’, der Ukraine und Russland, auch hat die Sowjetunion, sprich Moskau, für diese 3 UdSSR-Republiken 3 Stimmen in der UNO erhalten. Dank der Liquidatoren konnte Schlimmeres verhindert werden. Die Ukrainer gedenken ihrer mit Wertschätzung & Dank. In der Ukraine gibt es fast wöchentlich Gedenktage, damit den Menschen bewusst wird, was alles zu verteidigen/schützen gibt. - Anastasia Kosak: Wie hat die Tschornobyl-Katastrophe die Arbeit der Ukrainischen Frauenorganisationen damals verändert?
Nach dem offiziellen Ende der Leibeigenschaft um 1850 im russischen Zarenreich tauchten in der ukrainischen Geschichte plötzlich Frauen auf, die die Gesellschaft veränderten- sie setzen sich ein, für Erziehung, Bildung, Kunst und Kultur, sie veranstalteten Lesezirkel; 1871 hat Sofia Russova mt Schwester Maria den ersten Kindergarten in Kyjiw gegründet. 1918 gelang es ihr beide ein pädagogischen Bücher herauszugevb1918 Erziehung fürs Kindergartenalten und 1919 fürs Grundschulalter. Ihre Pädagogik war ähnlich Maria Montesouries. „Zeig mir, wie ich es selbst machen kann“. Erziehung zur Selbständigkeit und Selbstverantwortung. Parallel dazu gab es Gruppen, die Frauenbildung anboten. Frauenorganisationen und Gruppen bildeten sich in Städten,& Dörfern, Hygienekurse, ebenso gehörten 1870 Sanitätskurse um sich konkret im Notfall, im Krieg, durch das Österreichische Rote Kreuz im westlichen Protektorat der K&K-Monarchie.Im Ersten & Zweiten Weltkrieg waren Frauen als Sanitäterinnen auf dem Kriegsfeld dabei. Die helfende Frau war dabei bei Cholera, Typhus-Epidemien nach Hungersnoten bei Kriegsende. Im Fall von Tschornobyl war Nachbarschaftshilfe angesagt, Frauengruppen bestellten Medikamente im Ausland. Alle haben davon gehört, während dem Kommunismus waren alle echten Kirchen verfolgt, im GULAG, trotzdem arbeiteten Ordensschwester und Priester, Taufen und Hochzeiten wurden heimlich in Privatwohnungen vollzogen. In ärmeren Ländern ist die Solidarität wesentlich größer: selbst erlebt in Ex-Jugoslawien bauten Nachbarn einer Familie das Haus, danach halfen diese wiederum dem anderen sein Haus zu bauen, gemeinsam wurde eine Kirche im Ort gebaut. - Anastasia Kosak: Welche Rolle spielte die Frauenorganisationen bei der Unterstützung betroffener Familien nach Tschornobyl?
Ähnlich der Nachbarschaftshilfe. Die Menschen, die Frauengruppen haben gespürt, dass man ihnen nicht die Wahrheit sagte, aus diesem Grund haben sie inoffiziell begonnen caritative Hilfe, zu leisten, Verbandsmaterial zu besorgen. Im Sowjetsystem war immer alles Mangelware, es wurden Medikamente im Westen gekauft bzw im Ausland Spendenaktionen veranlasst. Internationale Institutionen wurden kontaktiert, damit Hilfe für Tschornobyl-Opfer kam. In in der Zeit der UdSSR gab es über viele Jahre ein deutsches Hilfsprogramm, in dessen Rahmen betroffene Kinder für 14 Tage zur Kur nach Deutschland kommen konnten. Dafür sind wir Deutschland sehr dankbar. - Anastasia Kosak: Welche langfristigen sozialen Veränderungen hat Tschornobyl in der ukrainischen Gesellschaft ausgelöst?
Die Ukrainer sehen die Notwendigkeit der Atomenergie zur Stromversorgung als sauberste Energiegewinnung. Ein Tschornobyl-Unfall oder die absichtliche Tschornobyl- Katastrophe wurde Moskau zugetraut, um die Ukrainer genetisch zu schädigen. Die ukrainische Bevölkerung ist kreativ, fleißig, sie leben, als wenn es diese Bürde nicht gäbe. Das ist ein großer Selbstschutz, die inneren Widerstandskräfte zu mobilisieren. - Anastasia Kosak: Wie hat sich die mediale Aufmerksamkeit rund um Tschornobyl über die Jahrzehnte verändert?
Die Medien haben Tschornobyl vergessen lassen. BK H. Kohl versprach 1975 den Atomkraftgegen, dem Friedensrat „Die Atomenergie soll in Deutschland eine Übergangs-lösung sein und im Jahr 2000 von erneuerbaren Energien abgelöst werden“. Frau Merkel hat beim Amtsantritt nochmals die 25 Jahre dazugerechnet => 2025. Der Zunamie und die Fokushima-Katastrophe hat mit Frau Merkel ein schnelles Ende der AKW bewirkt. - Anastasia Kosak: Kennen Sie Liquidatoren, die bis heute überlebt haben?
Ich konnte zwei Liquidatoren in der Ukraine finden, die bis heute gesund überlebten und keinem Krebs zum Opfer fielen und Bücher schrieben.
- Priester Mychajlo Hawryliw (*1949) schrieb 1987 verdeckt über Tschornobyl: „Der Mensch ist zu allererst eine Geschichte“ durch Josyp Terelja nach Deutschland zu Frau Halyna Horbatsch geschmuggelt, in Rom in ukr. Sprache gedruckt (187 Seiten), im selben Jahr in London in englischer Sprache gedruckt. In Tschornobyl erhielt er vom obersten Verantwortlichen (einem Russen aus Moskau) Schutzkleidung, als dieser erfuhr, daß Mychajlo vom GULAG nach Tschornobyl gebracht wurde, dort wegen seines katholischen Glaubens, als Aktivist der Legalisierung der UGKK gefangengehalten wird. Pfarrer Mychajlo Haweyliw lebt heute in Lviv im Onufrij-Kloster unter dem Namen Matwij.
- Wsewolod Smerechynskyj (*1934) Vorsitzender der „Vereinigung der Tschornobyl Liquidatoren der Stadt Lviv“) vereinigte sämtliche Dokumente, um dieses Buch 2016 (230 Seiten) publizieren zu können, die Kosten trug die Stadtver- waltung Lviv. In diesem Buch ist eine Bildergalerie mit 2117 Namen aufgeführt. In allen großen Städten gab es gebündelt solche Vereinigungen und entsprechende Publikationen. Die Leistung der Liquidatoren wird geehrt, daß sie die Ukraine und die Welt vor noch viel größerem Unheil gerettet haben.